Wenn plötzlich alles anders ist – was Yoga uns in Krisen geben kann

✨ ✨ Manchmal ist es so im Leben: Alles läuft gut. Man fühlt sich fit und voller Energie, der Körper ist gesund und leistungsfähig – und dann, von einem Moment auf den anderen, passiert etwas, das plötzlich alles verändert.

So ging es mir vor drei Tagen.

Ich hatte wunderbare Wandertage in der Schweiz verbracht, am Wochenende die Enkelkinder betreut und wollte nun den Spätsommer am Chiemsee genießen. So fit und beschwerdefrei hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Und ich war achtsam mit diesem wunderbaren Zustand. Denn in den vergangenen Jahren hatte ich gelernt, mich durchaus zu fordern, aber nicht zu überfordern. Überforderung hatte mir mein Körper nie gedankt. Auf ihn zu hören, seine Signale wahrzunehmen und meine Grenzen zu respektieren – all das hatte mich auch meine lange Yogapraxis gelehrt.

Und dann das.

Ein Moment – und alles ist anders

Eine dumme Unachtsamkeit. Rutschige Socken auf einer Holztreppe. Ich verlor den Halt, fiel und schlug mit dem Rücken auf der Kante einer Treppenstufe auf.

Und lag da.

Es war wie im Film. Konnte das wirklich passiert sein? Für einen Moment fühlte sich alles unwirklich an – und wurde doch sehr schnell zu meiner neuen Realität.

Ich lag am Boden und wusste nicht, wie ich wieder hochkommen sollte. Jeder kleine Versuch war so schmerzhaft, dass ich wieder zusammensackte. Immer wieder wartete ich, bis der Schmerz etwas nachließ, versuchte es erneut – und fand schließlich nach etwa einer halben Stunde einen Weg, mich an einem Sessel hochzuziehen.

Mein nächstes Ziel war das Badezimmer, um eine Schmerztablette zu nehmen. Ich konnte ein Bein kaum belasten und zog es langsam hinter mir her. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte ich schließlich die Couch. Behutsam und möglichst schmerzvermeidend ließ ich mich darauf nieder.

So fand mich mein Mann zwei Stunden später.

Erst einmal: annehmen, was ist

Seitdem bin ich durch einige körperliche und emotionale Zustände gegangen.

Am ersten Tag war ich erstaunlich stabil. Ich versuchte, die Situation zu akzeptieren und anzunehmen, was gerade war. Mein Körper war erschöpft von dem Ereignis, und ich schlief viel. Der ganz akute Zustand besserte sich langsam, und ich war zuversichtlich: So schlimm wird es schon nicht sein.

Auch die erste Nacht war den Umständen entsprechend gut. Ich konnte zwar nur auf einer Seite und auf dem Rücken liegen, und jede noch so kleine Bewegung tat weh. Aber ich kam durch die Nacht.

Am zweiten Tag konnte ich bereits einige Schritte gehen, sogar Treppen – und davon habe ich einige, denn ich wohne im fünften Stock. Natürlich ging es nur ganz langsam, Stufe für Stufe im Nachstellschritt.

Einen Arztbesuch hielt ich zunächst nicht für nötig. Ich ging davon aus, dass es sich um eine starke Prellung oder muskuläre Verletzung handelte. Immerhin schaffte ich es zu meiner Osteopathin. Allein die Tatsache, endlich etwas tun und die Wohnung verlassen zu können, tat gut.

Nach der Behandlung veränderte sich zunächst nichts. Das hatte ich auch nicht erwartet. Ich wusste: Eine solche Verletzung braucht Zeit.

Die Zuversicht kehrte zurück. Ich hatte das Gefühl, die Situation einigermaßen im Griff zu haben. Schließlich konnte ich mich vorsichtig bewegen.
Auch die zweite Nacht verlief ähnlich wie die erste. Doch am nächsten Morgen war etwas anders.

Wenn die Zuversicht plötzlich verschwindet

Eine leichte Panik erfasste mich. Das lange Wochenende lag vor mir, und plötzlich war das Gefühl „Das wird schon“ verschwunden. Stattdessen wurden andere Stimmen immer lauter:

Warum wird es nicht besser?
Was, wenn doch etwas Ernstes ist?
Wie lange wird das dauern?

Es gelang mir nicht, diese Gedanken einfach wegzuschieben. Ich wurde niedergeschlagen und spürte eine tiefe Traurigkeit. Zunächst wollte ich sie nicht herauslassen. Doch in einem Telefonat mit meiner Tochter durfte sie sich schließlich zeigen. Und vielleicht war genau das wichtig.

Denn natürlich dürfen wir traurig sein, wenn sich unser Leben von einem Augenblick auf den anderen verändert. Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit und Trauer gehören ebenso zum Leben wie Freude, Zuversicht und Leichtigkeit.

Wir müssen negative Gefühle nicht sofort loswerden. Sie dürfen da sein. Wir dürfen sie wahrnehmen und durchleben. Aber wir können lernen, uns nicht dauerhaft von ihnen bestimmen zu lassen.

Was solche Momente mit dem Älterwerden zu tun haben

Gerade wenn wir auf das Älterwerden blicken, bekommt diese Erfahrung für mich noch einmal eine andere Bedeutung.

Es wird wahrscheinlich häufiger Momente geben, in denen etwas nicht mehr so funktioniert wie vorher. Wir werden mit Krankheiten, Verletzungen, Verlusten oder körperlichen Einschränkungen konfrontiert. Manchmal allmählich – und manchmal völlig unerwartet. Wir können nicht verhindern, dass solche Dinge geschehen. Aber vielleicht können wir üben, wie wir ihnen begegnen.

Und genau hier kann Yoga helfen. Nicht unbedingt mit einer körperlichen Asana-Praxis. Manchmal ist gerade sie nicht möglich oder nicht sinnvoll.

Aber Yoga ist so viel mehr als Bewegung.

Die Philosophie, der Atem und die Meditation können uns Werkzeuge geben, um auch dann bei uns zu bleiben, wenn der Körper plötzlich nicht mehr das tut, was wir von ihm gewohnt sind.

1. Ahimsa – nicht gegen den eigenen Körper kämpfen

Ahimsa, das Prinzip der Gewaltlosigkeit, bekommt in solchen Situationen eine sehr konkrete Bedeutung.

Nicht gegen den Zustand anzukämpfen. Nicht ständig zu prüfen: Geht es heute schon besser? Kann ich wieder mehr? Warum funktioniert das noch nicht?

Sondern dem Körper zuzugestehen, dass er gerade etwas anderes zu tun hat.

„Mein Körper ist gerade mit Heilung beschäftigt. Ich muss ihn heute nicht dazu bringen, weiter zu sein.“

Ahimsa bedeutet dabei nicht, Schmerzen zu ignorieren oder notwendige medizinische Hilfe aufzuschieben. Es bedeutet, den Schmerz nicht als Gegner zu behandeln – und gleichzeitig seine Warnsignale ernst zu nehmen.

2. Der Atem – zurück in diesen Moment

Wenn Gedanken beginnen, in die Zukunft zu rasen – Was, wenn? Wie lange noch? Wird das wieder? –, kann der Atem uns zurückholen.

Lenke deine Aufmerksamkeit zunächst einfach auf ihn.

Wo kannst du ihn gerade spüren?

Im Brustkorb? In den Flanken? Im Bauch? An der Nase?

Nichts verändern. Nur wahrnehmen.

Nach einigen Atemzügen kannst du, wenn es sich angenehm anfühlt, die Ausatmung sanft verlängern. Nicht forcieren. Nicht leisten. Einfach etwas länger aus- als einatmen.

Und vielleicht innerlich sagen:

„Ich muss nichts erreichen. Der Atem kommt und geht von selbst.“

Für einen Moment muss nichts gelöst werden. Es gibt nur diesen einen Atemzug. Und danach den nächsten.

3. Den Schmerz beobachten, statt ihn sofort zu bewerten

Schmerz zieht unsere Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich. Und fast automatisch verbinden wir ihn mit Gedanken: Das ist schlimm. Das müsste doch längst besser sein. Was bedeutet das?

Eine yogische Praxis kann darin bestehen, für einen kurzen Moment zwischen der körperlichen Empfindung und unserer Bewertung zu unterscheiden.

Wie fühlt sich der Schmerz tatsächlich an?
Ist er ziehend, stechend, drückend, warm, eng oder pulsierend?
Wo beginnt die Empfindung, wo endet sie?
Ist sie überall gleich stark?
Verändert sie sich mit dem Atem oder mit einer kleinen Bewegung?

Ein oder zwei Minuten reichen.

Es geht nicht darum, den Schmerz wegzumeditieren. Es geht darum, neugierig wahrzunehmen, was tatsächlich da ist – anstatt ausschließlich dem zu folgen, was unsere Gedanken daraus machen.

Yoga beginnt vielleicht genau hier

Wenn wir Yoga lange praktizieren, verbinden wir damit oft Beweglichkeit, Kraft, Balance und die Freude daran, was unser Körper alles kann.

Doch vielleicht zeigt sich eine andere Qualität des Yoga gerade dann, wenn all das für eine Weile nicht zur Verfügung steht.

Wenn wir nichts optimieren können.
Wenn wir warten müssen.
Wenn wir verletzlich sind.

Dann wird Yoga zu einer inneren Praxis.
Nicht: Wie schnell komme ich wieder dorthin, wo ich vorher war?
Sondern: Wie kann ich mit dem sein, was heute ist?

Vielleicht ist genau das eine der wichtigen Fähigkeiten für ein gutes Älterwerden: nicht unverwundbar zu werden, sondern auch in schwierigen Zeiten berührbar zu bleiben – und zugleich einen inneren Boden zu finden, der uns trägt.

Und heute, an Tag vier?

Heute ist Tag vier. Körperlich ging es mir heute Morgen nicht besser. Die Schmerzen waren noch da, das Aufstehen immer noch mühsam.

Und trotzdem war etwas anders: meine Stimmung.

Die Angst und Traurigkeit vom Vortag waren nicht mehr so bestimmend. Ich hatte die Idee, über das zu schreiben, was mir gerade passiert – über den Sturz, den Schmerz, die Unsicherheit und darüber, was Yoga in einer solchen Situation bedeuten kann.

Und ich merkte: Das Schreiben tut mir gut.

Vielleicht ist auch das eine Form der Bewältigung: dem Erlebten Worte zu geben, es anzuschauen und zu ordnen. Der Schmerz ist dadurch nicht verschwunden, aber innerlich hat sich etwas bewegt.

Vielleicht ist auch das Yoga: Wir können nicht immer verändern, was gerade geschieht. Aber wir können beeinflussen, wie wir ihm begegnen.

🙏 Manchmal beginnt Heilung auch damit, dass wir unserer Erfahrung eine Stimme geben.


Deine 
Sabine