
✨ ✨ In den vielen Jahren meiner politischen Tätigkeit habe ich unzählige Stunden in Sitzungen verbracht. Oft hatte ich selbst nur einen kleinen Beitrag oder gar keine aktive Rolle. Trotzdem musste ich anwesend sein, um die Mehrheiten für meine Fraktion zu sichern.
Zwei, drei, vier Stunden – manchmal sogar acht Stunden am Stück.
Ich hörte Reden von Kolleginnen und Kollegen, oft nach dem Motto: „Alles wurde schon gesagt, nur noch nicht von mir.“ Manchmal war das kaum auszuhalten. In mir entstanden starke Widerstände. Ich fragte mich: Was mache ich hier eigentlich? Warum sitze ich noch hier? Ich halte das nicht mehr aus.
Besonders schwierig wurde es für mich, wenn sich immer wieder jemand zu Wort meldete, obwohl das Thema längst ausreichend diskutiert worden war. Dann spürte ich regelrecht, wie die Aggression in mir aufstieg.
Doch irgendwann begann ich mich zu fragen:
Was passiert da eigentlich in mir? Warum bringt mich diese Situation so aus der Ruhe?
Wenn Bedürfnisse aufeinanderprallen
Innere Widerstände entstehen oft dann, wenn unterschiedliche Bedürfnisse miteinander in Konflikt geraten.
Rückblickend erkenne ich mehrere Bedürfnisse, die in diesen Sitzungen immer wieder mit der Realität kollidierten.
Das Bedürfnis nach Effizienz und Fortschritt
Oft dachte ich: „Das weiß ich doch alles schon. Warum kommen wir nicht weiter?“
Wenn Fortschritt und Entwicklung für einen Menschen wichtig sind, können endlose Wiederholungen äußerst belastend sein. Das Gefühl, auf der Stelle zu treten, kostet Energie.
Das Gefühl von Sinnlosigkeit
Besonders anstrengend war für mich der Eindruck, dass viele zusätzliche Wortmeldungen nichts Wesentliches mehr beitrugen.
Ich hatte das Gefühl, meine Zeit mit etwas Sinnlosem zu verbringen. Und Zeit mit Dingen zu verbringen, die keinen erkennbaren Mehrwert haben, empfinde ich bis heute als sehr belastend.
Der Verlust von Autonomie
Das stärkste Gefühl war jedoch ein anderes.
Ich konnte die Situation nicht einfach verlassen. Ich musste sitzen bleiben und zuhören.
Es entstand ein Gefühl des Gefangenseins: „Ich möchte weg, aber ich kann nicht weg.“
Genau dieses Spannungsfeld erzeugte den größten inneren Widerstand in mir. Denn Freiheit gehört zu meinen wichtigsten Werten. Wenn ich das Gefühl habe, keine Wahl zu haben, reagiere ich besonders empfindlich.
Warum ich darüber schreibe
Weil ich überzeugt bin, dass es hilfreich ist, die eigenen Widerstände besser kennenzulernen.
Es geht nicht darum, sie zu bewerten oder zu bekämpfen. Es geht darum zu verstehen, was hinter ihnen steckt. Welche Bedürfnisse werden gerade nicht erfüllt? Welche Werte werden berührt?
Je besser wir unsere inneren Prozesse verstehen, desto bewusster können wir mit ihnen umgehen.
Die Rolle von Yoga bei inneren Widerständen
Genau dabei kann Yoga eine wertvolle Unterstützung sein.
Widerstände zeigen sich häufig in den ruhigen Yin-Haltungen. Zum Beispiel im Dragon, einer intensiven Dehnung des Hüftbeugers (Iliopsoas), bei der die Position über längere Zeit gehalten wird.
Für mich sind diese Haltungen oft eine größere Herausforderung als die dynamischen Yang-Asanas.
Warum?
Weil es mir schwerfällt, wirklich loszulassen und mich der Dehnung hinzugeben.
Während der langen Dehnungen passiert vieles im Körper. Faszien werden gedehnt, Spannungen werden spürbar, und oft tauchen dabei auch mentale Reaktionen auf. Bei mir entsteht recht schnell Widerstand.
Der Gedanke „Wie lange noch?“ lässt meist nicht lange auf sich warten.
Doch genau darin liegt die eigentliche Übung.
Statt gegen die Situation anzukämpfen, kann ich mich fragen:
Wie wäre es, diese Haltung anzunehmen?
Was würde sich verändern, wenn ich aufhören würde, gegen sie anzukämpfen?
Eine spannende Selbstbeobachtung
Eine ähnliche Erfahrung kannst du machen, wenn du versuchst, 30 tiefe Atemzüge im Krieger II oder in der Stuhlhaltung zu bleiben.
Für die meisten Menschen ist das eine echte Herausforderung.
Wahrscheinlich wirst du nicht nach zehn Atemzügen denken: „Wie schön, das fällt mir unglaublich leicht.“ Meistens wächst der Widerstand mit jedem weiteren Atemzug.
Und genau dann wird es interessant.
Frage dich:
- Was passiert gerade in mir?
- Fehlt mir wirklich die Muskelkraft?
- Mangelt es mir an Willenskraft?
- Fühle ich mich fremdbestimmt?
- Möchte ich den Erwartungen der Lehrerin entsprechen?
- Vergleiche ich mich mit den anderen im Raum?
All das können Hinweise darauf sein, was tatsächlich hinter dem Widerstand steckt.
Bewusstmachen statt Bewerten
Vielleicht möchtest du dieses kleine Experiment einmal ausprobieren.
Bleibe bewusst in einer herausfordernden Haltung und beobachte, was in dir geschieht. Notiere dir anschließend deine Gedanken, Gefühle und Erkenntnisse.
Und denke daran:
Es geht nicht darum, etwas gut oder schlecht zu finden.
Es geht darum, bewusst wahrzunehmen.
Denn oft sind unsere Widerstände keine Hindernisse – sondern Wegweiser zu einem tieferen Verständnis von uns selbst.
Deine
Sabine


