Wenn Helfen auch heilt

Warum ich Yoga für traumatisierte Frauen unterrichte

Mittwoch, morgens um zehn. Seit 10 Wochen fahre ich mit dem Fahrrad quer durch München zu einem Frauenhaus, um dort Yoga zu unterrichten. Und jeden Mittwoch frage ich mich auf dem Weg: Wer wird heute da sein?

Diese Yogastunde ist anders als alle anderen, die ich gebe. Die Frauen, die ich dort treffe, kommen aus unterschiedlichen Kulturen, Ländern und Lebensrealitäten. Jede von ihnen trägt eine eigene Geschichte in sich – oft geprägt von Gewalt, Verfolgung oder Krieg. Doch im Yogaraum sprechen wir nicht darüber. Ihre Traumata bearbeiten sie mit Psychologinnen und Sozialpädagoginnen.

Beim Yoga geht es um etwas anderes: darum, nach überwältigenden Erfahrungen wieder eine Verbindung zum eigenen Körper aufzubauen.

Traumainformiertes Yoga – ein Raum für Sicherheit

Dieses traumainformierte Yoga basiert auf dem Konzept von Citizen2be, einer gemeinnützigen Organisation, die die Yogalehrerin Bettina Schuler vor fast zehn Jahren gegründet hat. Ihr Ziel: Frauen zu unterstützen, die Gewalt erlebt haben – mit Yoga als Werkzeug, Körper und Geist wieder in Einklang zu bringen.

Denn ein Trauma sitzt nicht nur im Kopf. Es hinterlässt Spuren im Körper und im Nervensystem. Yoga bietet hier einen behutsamen Weg zurück zur Selbstwahrnehmung, zur inneren Stabilität und zur Fähigkeit, dem eigenen Körper wieder zu vertrauen. Religionsfrei. Esoterikfrei. Wissenschaftlich fundiert.

Jede Stunde ist anders – und genau darin liegt die Schönheit

Ich weiß nie, wer zur Stunde kommt und was die Frauen mitbringen – an Erfahrung, Belastung oder Beweglichkeit. Manche tragen Alltagskleidung, manche waren noch nie in einer Yogastunde. Alle kommen aus demselben Grund: um sich selbst etwas Gutes zu tun.

Hier geht es nicht um perfekte Ausrichtung oder sportliche Ambitionen.
Hier geht es darum, den eigenen Körper zu spüren und wieder eine Verbindung zu ihm aufzunehmen – in der Anstrengung bei kraftvollen Haltungen wie den Kriegern, beim Loslassen in den Vorbeugen,
oder in der Wahrnehmung des Atems während der Meditation.

Darum, zu lernen, den Signalen des Körpers zu vertrauen
und ihn wieder als sicheren Ort wahrzunehmen.

Warum ich das mache

Seit 2015, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, trage ich den Wunsch in mir, traumatisierten Menschen zu helfen. Aber ich wusste nie wie. Ich spürte, dass ein „einfach mal Yoga anbieten“ nicht ausreicht – und heute weiß ich: Das war richtig.

Traumatisierte Menschen brauchen etwas anderes als eine normale Yogaklasse.
Sie brauchen Sicherheit. Wahlmöglichkeiten. Langsamkeit. Körperwahrnehmung statt Leistungsdruck.

Als ich Citizen2be fand, wusste ich sofort: Das ist es.
Ich machte die Fortbildung – und mit diesem Wissen darf ich die Frauen heute auf ihrem Weg begleiten. Das erfüllt mich jedes Mal mit tiefer Freude und Dankbarkeit.

Und jetzt die Frage an dich: Was machst du für andere?

Vielleicht engagierst du dich bereits ehrenamtlich.
Vielleicht trägst du einen Gedanken in dir, der noch leise ist.
Vielleicht wartest du – wie ich damals – auf den richtigen Moment oder den passenden Impuls.

Egal wo du gerade stehst:
Deine Fähigkeit, für andere da zu sein, ist wertvoll. Und sie verändert nicht nur das Leben derjenigen, denen du hilfst – sie verändert auch dich.

Wenn du magst, nimm dir einen Moment und frage dich:

  • Wem könnte ich etwas Gutes tun?
  • Was möchte ich in der Welt bewirken?
  • Was gibt es mir, wenn ich anderen helfe?

Und wenn du konkret etwas tun möchtest:
Informiere dich über lokale Projekte. Nimm Kontakt zu Organisationen auf. Oder unterstütze Initiativen wie Citizen2be, die Frauen auf ihrem Weg aus der Gewalt begleiten.

Vielleicht wartet irgendwo schon ein Mensch darauf, genau dir zu begegnen.

Sabine ❤️